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Fallbeispiel Aufstellung (Geschwister)

Aktualisiert: 30. Juni 2023

Ausgangslage: Der Klient hat zwei Geschwister und fühlt sich ihnen einerseits sehr nah aber auch belastet durch die Nähe. Er möchte, dass ihn die konfusen Gefühle weniger belasten, um den eigenen Raum und die eigene Unabhängigkeit vergrössern zu können.

 

Als Einstieg machen wir eine Körperübung - ich leite einen Bodyscan im Sitzen an und lasse ihn so seinen ganzen Körper bewusst wahrnehmen. Danach frage ich, wie es gehe und was er aktuell im Körper wahrnehmen könne. Er sagt, dass er verwirrt sei. Er könne dies nicht genau beschreiben... jetzt nach der Entspannung sei es zwar besser, aber er sei dennoch etwas ratlos.


Wir sprechen über dieses Gefühl der Verwirrung und Ratlosigkeit und gelangen im Gespräch zur Erkenntnis, dass wohl ein Teil der Wahrnehmungen und Gefühle nicht zu ihm gehören. Diese lassen wir nun energetisch und imaginativ in die Erde abfliessen. Danach wird das Körpergefühl klarer - es ist ein Druck beim Zwerchfell wahrnehmbar. Dieser Druck fühlt sich an, als käme er von etwas festem, eckigem...


Um den Prozess weiter zu unterstützen, wechseln wir nun von der Imagination in die materialisierte Welt und setzen eine kleine Holzbox vor uns auf den Boden. Schnell wird dem Klient bewusst, dass er sich selbst in Bezug zu dieser Box setzen möchte und fragt mich nach einer Holzfigur. Diese stellt er vor der Box auf, und den Rest der Familie auf die Seite hinter der Box... bedächtig betrachtet er sich.. ich frage, in welchem Alter er hier sei. Er sei fünf.. fühle sich einsam. Etwas stehe zwischen ihnen. Die Familie mache ihn grösser als er sei. Dabei möchte er doch noch etwas Kind sein.


Wir geben dem Gefühl Raum. Ich merke, dass er bereits guten Zugang zum inneren Kind hat und sich selbst die emotionale Nähe und Wärme geben kann, die dieser Anteil von ihm braucht. Deswegen warte ich etwas ab, bis er plötzlich beginn die Figuren umzustellen. Erst stellt er sich selbst auf die Box hoch und betrachtet von dort die Familie. Dann nimmt er den Rest der Familie dazu.


Als ich nach dem Alter jetzt frage, bleibt er eine Weile still. Er fühle sich grösser und älter, ja. 22 Jahre alt. Von hier beginnt er nun seine Gefühle den Geschwistern gegenüber zu erforschen. Durch Verschieben der Holzfiguren probiert er aus, wie es sich anfühlt den einzelnen Personen nahe zu stehen. In dieser Exploration stellt er fest, dass er der jüngeren Schwester gegenüber seit der Kindheit einen starken Schutzinstikt fühlt, der noch heute spürbar ist.


Nun blickt er mich an uns sagt mir, dass sie nun genug gross sei und er sein sehr starkes Gefühl der brüderlichen Fürsorge wohl etwas lösen könnte. Ich frage, ob die Zeit nun passe einen Teil der übernommenen Verantwortung loszulassen. Als er nickt, biete ich ihm an, die Augen zu schliessen. Nun lade ich ein sich vorzustellen, wie eine harte Sicht aufbrechen und sich vielleicht auch langsam von ihm lösen würde. Oh ja, er spüre gerade, wie ein grosser Teil des vor dem inneren Auge aufgetauchten festen, eckigen Klotz abbreche und abfalle, sagt er. Einige Sekunden bleibt er ruhig mit geschlossenen Augen sitzen. Dann sagt er, er fühle sich nun deutlich leichter und befreiter. Er sieht sich um und fragt mich, ob das Licht im Raum gerade auch heller geworden sei?!


Als ich verneine und er erstaunt in sich ruhend sitzen bleibt, ergänzt er: "Ich fühle die Dankbarkeit meiner Schwester mir gegenüber. Ich wusste schon, dass sie meine Fürsorge schätzt. Aber so richtig fühlen konnte ich das bisher nicht."


 

Im Anschluss stellt er die Familienmitglieder so lange in unterschiedlichen Positionen auf, bis es sich stimmig anfühlt. Er freut sich, nun mit einem viel klareren und leichteren Gefühl aus dem Coaching gehen zu dürfen und seinen Bezug zu den Familienmitgliedern besser zu verstehen und zu fühlen.


 

Erläuterungen


Bei konfusen Gefühlen, in welche verschiedene Personen oder auch unterschiedliche eigene innere Anteile involviert sind, kann eine gestalttherapeutische Aufstellung helfen. Diese Aufstellung läuft komplett intuitiv ab und wird von mir als psychologischer Coach und psychologische Beraterin nicht inhaltlich verändert. Ich begleite den Prozess achtsam und biete allenfalls an, stärkende Ressourcen dazu zu nehmen, die Wahrnehmungssinne oder Bewusstseinsebenen zu wechseln, falls ein Prozess ins Stocken gerät oder wenn es der Erfahrungsverankerung dient.


Die Arbeit mit Gegenständen hilft uns, ein Thema aus der Distanz zu betrachten und deren Zusammenhänge zu erkennen. Wenn wir in eine Aufstellung nicht mit dem Kopf einsteigen, sondern uns vorher gut geerdet haben und den Körper gut wahrnehmen können, kann der Körper uns zusätzliche Hilfestellung zum Prozess geben. Hier zum Beispiel bei der Auflösung "verstockter" Verantwortungsgefühle als "grosser Bruder". Diese Gefühle, welche in der Kindheit berechtigt und hilfreich waren, haben im vorliegenden Fallbeispiel als "fester, eckiger Druck" das Annehmen der "Dankbarkeit" blockiert und eine gefühlte Schwere und Verwirrung verursacht.


Durch den Wechsel zurück ins Körpergefühl, wurde die Auflösung der übermässigen Verantwortung und Annahme der Dankbarkeit als wohltuende Erleichterung über mehrere Sinne wahrnehmbar. Dies ist eine schonende therapeutische Arbeitsweise, welche den Heilungsprozess von Psyche und Seele unterstützt und uns ermöglicht, Blockaden aus eigener Kraft nachhaltig aufzulösen um zu mehr innerer Klarheit und Stärke zu gelangen.

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