Perfektionismus liebevoll loslassen lernen
- Oriana Chiandusso

- 17. Juli
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Tag
Wenn Menschen zu mir ins Coaching kommen und von Perfektionismus sprechen, geht es erstaunlich selten um Perfektion. Viel häufiger erzählen sie von Druck. Von Erschöpfung. Von dem Gefühl, nie ganz anzukommen. Da ist die Frau, die ihre Präsentation zum fünften Mal überprüft, obwohl sie längst fertig wäre. Der Mann, der eine Nachricht immer wieder umformuliert, bevor er sie abschickt. Oder die Mutter, die sich nach einem freien Nachmittag fragt, ob sie genug getan hat.
Von aussen wirken diese Menschen oft kompetent, zuverlässig und gut organisiert. Innerlich fühlen sie sich jedoch, als würden sie ständig einem unsichtbaren Massstab hinterherlaufen. Wenn wir gemeinsam genauer hinschauen, entdecken wir häufig etwas Überraschendes: Hinter Perfektionismus steckt selten Arroganz oder übertriebener Ehrgeiz. Viel häufiger begegnet uns ein Teil, der versucht, Sicherheit zu schaffen. Ein Teil, der gelernt hat, dass Fehler gefährlich sein könnten und Kontrolle Schutz verspricht. Genau deshalb möchte ich in diesem Artikel nicht darüber sprechen, wie du Perfektionismus bekämpfst. Sondern darüber, was er dir vielleicht schon sehr lange sagen möchte.
Perfektionismus ist oft ein Schutz, kein Charakterfehler
Viele Menschen haben früh gelernt: Wenn ich mich anpasse, wenn ich leiste, wenn ich niemandem zur Last falle, bleibe ich verbunden. Vielleicht wurde Anerkennung besonders dann spürbar, wenn du gute Leistungen erbracht hast. Vielleicht waren Fehler mit Kritik, Beschämung, Rückzug oder einer angespannten Stimmung verbunden. Das Kind in dir hat daraus nicht bewusst eine Theorie gemacht. Es hat eine kluge Überlebensstrategie entwickelt.
Perfekt zu sein versprach Sicherheit. Es versprach, nicht abgelehnt zu werden, keinen Konflikt auszulösen und einen Platz bei anderen zu behalten. Diese Strategie verdient deshalb nicht zuerst Bekämpfung, sondern Würdigung. Sie wollte dich schützen.
Schwierig wird sie dort, wo sie dein Leben eng macht. Wenn du nur noch handelst, nachdem alle möglichen Risiken geprüft sind. Wenn Nähe davon abhängt, ob du für andere angenehm bleibst. Oder wenn dein Selbstwert bei jeder kleinen Unzulänglichkeit ins Wanken gerät. Dann ist nicht dein Anspruch das Problem, sondern die innere Bedingung darunter: Ich darf nur sein, wenn ich es richtig mache.
Was im Nervensystem geschieht
Perfektionismus ist nicht bloss ein Gedanke. Er ist oft tief im Nervensystem verankert. Die Polyvagaltheorie beschreibt, dass unser autonomes Nervensystem ständig prüft, ob wir uns sicher fühlen oder ob Gefahr droht. Besonders der ventrale Vagus – jener Teil des Nervensystems, der mit Verbundenheit, Mimik, Stimme und sozialem Kontakt verbunden ist – ermöglicht uns, offen, kreativ und mit uns selbst und anderen in Beziehung zu sein. Fehlen solche Erfahrungen oder waren Fehler früher mit Kritik, Beschämung oder Liebesentzug verbunden, entwickelt das Nervensystem Schutzstrategien. Diese bleiben nicht nur als Erinnerung bestehen, sondern prägen unseren Muskeltonus, unsere Atmung, unsere Mimik und häufig auch wiederkehrende Spannungsmuster im Körper.
Deshalb reagiert dein Körper oft schon, bevor dein Verstand überhaupt darüber nachgedacht hat. Vielleicht wird der Atem flacher, der Kiefer spannt sich an oder dein Blick sucht automatisch nach dem, was schiefgehen könnte. Im Neurosystemischen Integrationsansatz verstehen wir solche Reaktionen als somatische Schutzmuster, die sich in den Faszien und Muskeln als köerperlich gespeicherte Anpassungsstrategien zeigen, welche einmal sinnvoll waren, um Verbindung und Sicherheit zu erhalten. Sie dienen zwar diesem Ziel, doch könnten darunter unerfüllte Bedürfnisse und nicht vollständig entwickelte Kompetenzen liegen. Wer zur Sicherheit noch einmal kontrollieren oder zum fünften Mal umformulieren möchte, beruhigt zwar kurzfristig das Nervensystem, doch gleichzeitig bestätigt unsere Psyche unbewusst: Kontrolle schafft Sicherheit.
Deshalb beginnt Veränderung nicht damit, dich zusammenzureissen oder einfach lockerer zu werden. Deine Psyche und dein Körper brauchen neue Erfahrungen – Erfahrungen, in denen du unvollkommen sein, Grenzen setzen oder Fehler machen darfst und trotzdem Verbundenheit, Würde und Sicherheit erlebst. Mit jeder solchen Erfahrung entsteht Schritt für Schritt ein neuer innerer Kompass. Nicht mehr die Angst vor Ablehnung führt dich, sondern ein verkörpertes Gefühl von Selbstkontakt, Vertrauen und innerer Sicherheit.
Perfektionismus liebevoll loslassen lernen statt dich zu korrigieren
Liebevoll loslassen heisst nicht, deine Fähigkeiten kleinzureden. Sorgfalt, Verantwortungsgefühl und Qualitätsbewusstsein sind wertvolle Eigenschaften. Die entscheidende Frage lautet: Wähle ich sie frei - oder treibt mich die Angst?
Du kannst damit beginnen, den Moment vor dem Optimieren wahrzunehmen. Nicht erst nach der Erschöpfung, sondern genau dann, wenn die innere Stimme sagt: Das reicht noch nicht. Halte für einen Atemzug inne und frage dich: Was befürchte ich gerade, wenn ich es so stehen lasse?Vielleicht erscheint ein konkreter Satz: Dann hält man mich für inkompetent. Dann enttäusche ich jemanden. Dann bin ich egoistisch. Vielleicht ist es zunächst nur ein Druck im Bauch oder ein Ziehen im Hals. Auch das ist Information. Der Körper spricht häufig früher als der Verstand.
Lege eine Hand auf Brustkorb oder Bauch, falls sich das stimmig anfühlt. Spüre den Kontakt deiner Füsse zum Boden. Statt dich zu überzeugen, dass alles sicher sei, kannst du dir leise sagen: Ich merke, dass ein Teil von mir mich schützen will. Ich bin jetzt hier. Ich muss nicht perfekt sein, um würdevoll zu handeln. Das wirkt schlicht, ist aber keine oberflächliche Selbstberuhigung. Du übst, mit dem schützenden Teil in Beziehung zu gehen, statt ihn mit noch mehr Druck zu überstimmen.
Kleine Erfahrungen statt grosse Gegenprogramme
Menschen mit perfektionistischen Mustern machen aus Veränderung leicht das nächste Projekt: Ich muss jetzt perfekt entspannt sein. Genau deshalb helfen kleine Experimente mehr als radikale Vorsätze. Wähle einen Bereich, der leicht genug ist, damit dein System mitkommen kann.
Du könntest eine Nachricht nach einmaligem Lesen senden, eine Aufgabe bei achtzig Prozent abschliessen oder bei einer Einladung sagen, dass du noch Zeit zum Entscheiden brauchst. Wichtig ist nicht, ob es sich sofort gut anfühlt. Wichtig ist, dass du nachher bei dir bleibst und beobachtest: Was ist tatsächlich passiert? Wie reagiert mein Körper? Was brauche ich jetzt?
Manchmal entsteht Erleichterung. Manchmal meldet sich Scham oder ein starkes Bedürfnis, die Situation doch noch zu reparieren. Beides ist verständlich. Veränderung heisst nicht, keine Angst mehr zu spüren. Sie heisst, dich auch mit Angst nicht zu verlassen.
Die Grenze zwischen Hingabe und Selbstaufgabe
Besonders bei People Pleasing kann Perfektionismus in Beziehungen sehr unauffällig sein. Vielleicht hast du ein so starkes Muster entwickelt, dass es sich als Überanpassung oder Fawn zeigt. Du hast in bestimmten Situationen keine andere Wahl, als für Andere da zu sein und Konflikte zu regulieren oder gar zu vermeiden. Wenn du dieses Muster kennst, dann geht es nicht darum, weniger emphatisch zu werden. Viel mehr ist dein Weg, deine eigene Wahrnehmung für dich selbst zu schulen, die damit verbundenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und diese in deine Reaktion einzubeziehen.
Bevor du zustimmst, etwas übernimmst oder dich erklärst, nimm dir einen Moment Zeit dich selbst zu spüren. Wie fühlt sich dieses Ja in deinem Körper an? Weite, Ruhe oder eher Enge und Druck? Ein ehrliches Nein kann kurzfristig Unsicherheit auslösen. Es kann aber langfristig Beziehungen ermöglichen, in denen nicht nur deine Funktion, sondern du als Mensch Platz hast. Verbundenheit, die nur durch Selbstaufgabe entsteht, ist keine verlässliche innere Sicherheit.
Wenn der innere Kritiker besonders laut wird
Der innere Kritiker meint es häufig nicht böse. Er spricht nur in einer Sprache, die hart geworden ist: Streng dich mehr an. Sei nicht peinlich. Mach keinen Fehler. Hinter diesen Sätzen steckt oft die alte Hoffnung, durch Selbstkontrolle Schmerz zu vermeiden.
Versuche nicht, diese Stimme sofort loszuwerden. Das kann sie noch lauter machen. Höre genauer hin: Wovor will sie dich bewahren? Vor Ablehnung? Vor Beschämung? Vor dem Gefühl, nicht zu genügen? Wenn du den Schutzauftrag erkennst, entsteht Abstand zwischen dir und der Kritik.
Du bist nicht die Stimme. Du bist auch die Person, die sie wahrnehmen und sich für einen anderen Umgang entscheiden kann. Vielleicht lautet deine erwachsene Antwort: Danke, dass du aufpassen willst. Heute darf ich lernen. Heute darf etwas unfertig sein. Heute bleibe ich auf meiner Seite.
Reflexionsübungen für deinen Alltag
Nimm dir nach einer Situation mit starkem Leistungsdruck ein paar Minuten und frage dich: Wo in meinem Körper habe ich den Druck gespürt? Welche Reaktion von anderen habe ich befürchtet? Was habe ich getan, um mich abzusichern? Und was wäre ein kleiner Ausdruck von Selbsttreue gewesen?
Es geht nicht darum, die richtige Antwort zu finden. Die Fragen bringen dich zurück in Kontakt mit dir. Gerade dort beginnt ein verkörpertes Ich-Gefühl: Du orientierst dich nicht nur daran, was von dir erwartet werden könnte, sondern auch daran, was in dir wahr ist.

Häufige Fragen
Ist Perfektionismus immer etwas Negatives?
Nein. Freude an Qualität, Genauigkeit und Gestaltung kann sehr erfüllend sein. Belastend wird Perfektionismus, wenn dein Wert, deine Zugehörigkeit oder deine innere Ruhe davon abhängen, fehlerlos zu sein.
Warum fühle ich mich trotz guter Leistung nie zufrieden?
Weil die Messlatte oft nicht bei der Aufgabe liegt, sondern bei einem tieferen Sicherheitsbedürfnis. Wenn Leistung unbewusst vor Ablehnung schützen soll, kann kein Ergebnis dauerhaft genug sein.
Kann ich perfektionistisch sein und gleichzeitig prokrastinieren?
Ja. Aufschieben ist häufig eine Schutzreaktion auf den Druck, etwas aussergewöhnlich gut machen zu müssen. Wenn der erste Schritt sich wie eine Prüfung deines Werts anfühlt, wird Nichtbeginnen kurzfristig entlastend.
Was hilft, wenn ich nach einem Fehler starke Scham spüre?
Benennen, was geschehen ist, und den Körper mit einbeziehen. Spüre beispielsweise die Füsse am Boden, atme langsamer aus und unterscheide zwischen einem Fehler und deiner ganzen Person. Scham braucht oft Verbindung und einen freundlichen Blick, nicht zusätzliche Selbstkritik.
Wie lange dauert es, Perfektionismus loszulassen?
Das hängt davon ab, wie tief das Muster mit Bindung, Leistung und früher Sicherheit verbunden ist. Kleine Veränderungen können rasch spürbar werden. Eine nachhaltige neue innere Haltung wächst meist durch wiederholte, sichere Erfahrungen im Alltag und in Beziehungen.
Autorenprofil
Oriana Chiandusso ist diplomierte psychologische Beraterin und begleitet in Bern Menschen mit psychologischem Coaching, Mental Coaching und somatischen Embodiment-Prozessen. Ihr Schwerpunkt liegt unter anderem auf Überanpassung, Selbstwert, emotionaler Erschöpfung, Bindungsmustern und der Frage, wie Selbsttreue und Verbundenheit gemeinsam wachsen können.
Passende Begleitung
Wenn du bemerkst, dass Perfektionismus deine Energie, Beziehungen oder Entscheidungen stark einengt, kann eine professionelle Begleitung hilfreich sein. In der psychologischen Einzelbegleitung kann Raum entstehen, die Geschichte hinter dem Muster zu verstehen und neue Erfahrungen über Gespräch, Körperwahrnehmung und alltagsnahe Schritte zu verankern. Auch wiederkehrende Scham, starke Erschöpfung oder ein Gefühl von innerer Leere verdienen es, nicht allein getragen zu werden.
Wenn du Oriana kennenlernen möchtest, kannst du hier eine kostenlose Session buchen:
Und weisst du: Du musst nicht erst vollkommen bereit sein, um dir Unterstützung zu erlauben.





Kommentare